„Wir haben keinen Lieblingsstil. Unser Stil ist es, unterschiedliche Stile miteinander zu verbinden. Sich auf einen Stil zu beschränken, würde heißen, andere Stile zu Unrecht abzuschreiben.“ Zwei Sätze, die sitzen und zum Nachdenken anregen. Man sollte sie sich einmal kurz auf der Zunge zergehen lassen, nur um Esther und Leah Wiesing schließlich voller Überzeugung zuzustimmen. Ja, warum sich auf nur eine Sache, eine Richtung, eine Methode festlegen? Auf Dauer potenziell langweilig. Und das ist nun ein Adjektiv, das auf so manches zutreffen mag, doch keinesfalls auf die poetischen Keramikkreationen der beiden Schwestern, die sie unter ihrem Label „CortoMagDelft“ vereinen. Darunter könnte man sich einen schönen venezianischen Kapitän namens Corto vorstellen, der eine gewisse Vorliebe für eine bestimmte niederländische Universitätsstadt hegt. Delft als Stadt ist nicht nur unter seefahrenden Abenteurern beliebt. Sie wird vor allem für ihre Keramikerzeugnisse geschätzt. Und die mögen momentan ja ziemlich viele Leute. Woran liegt das eigentlich? Mitunter vielleicht an einem ganz einfachen, greifbaren Umstand: „Die Bandbreite an Möglichkeiten, die Keramik bietet. Sie ist leicht formbar und doch stabil, bemalbar, wasserabweisend und sieht nebenbei einfach sehr schnell super aus. Doch das erklärt natürlich nicht, warum gerade derzeit Keramik diese Aufmerksamkeit auf sich zieht und zunehmend beliebter wird.“

Den beiden Frauen zufolge liegt es wohl eher daran, dass das Interesse an Keramik Teil einer breiteren gesellschaftlichen Entwicklung ist. Zur Veranschaulichung dient das Zeitschriftenangebot der Bahnhofsbuchhandlungen. „Im gleichen Maß wie sich dort die Magazine über digitale Welten breitgemacht haben, konnten sich auch andere etablieren, die materielle Dinge allein in ihrer sinnlichen Qualität preisen: Gärten, Oldtimer, Essen, Vintage, Mode oder auch Möbel. Damit ist unsere Zeit von zwei komplementären Bewegungen bestimmt: einem Hang zum Immateriellen und einem Hang zum Materiellen. Keramik ist insofern vielleicht hip, weil sie so einen starken Gegenpol zur digitalen Bewegung aufbaut und zugleich perfekt das Verlangen nach dem Erfahren von sinnlicher Qualität und echten Materialien stillt – denn Keramik bleibt schließlich gebrannter Schlamm.“

Und diesen verarbeiten Esther und Leah Wiesing in ihrer kleinen Münsteraner Manufaktur zu unterschiedlichsten Schalen, Gefäßen, Pflanztöpfen, Vasen und Kleinskulpturen fernab des Mainstreams von Töpferkursen und Co. Hin und wieder gesellt sich ein Möbelstück zur bestehenden Kollektion. Mal sind ihre Arbeiten eher verspielt, mal sehr klar, dann wieder abstrakt, mit Ethnoeinschlag oder gar zum Träumen anregend wie „Kitty & Karl“. Es sind Stücke, die man wiedererkennen und sammeln kann. Vielleicht auch sollte, denn entscheiden fällt garantiert schwer. Es gibt nicht den fünfhundertsten Becher in Off-White-Punkteton, den noch mindestens zwanzig weitere Keramiklabels im Programm haben. Niemand will bestreiten, dass schlichte Formen und zurückhaltendes Dekor unglaublich schön sein können. Sie sind aber heute nicht selten auch einfach beliebig und austauschbar. „Genau diese Art von Keramik führt dazu, dass sie oft mit Töpferkursen im Kindergarten oder in der Burn-out-Klinik verbunden wird“, so die beiden Schwestern. Ihre Stücke hingegen wirken reif und eigen, voller Seele, sind immer überraschend, eben niemals langweilig. Sie entführen in fremde Welten, sollen bunt, wild und lebendig sein, „und gleichzeitig geordnet und erkennbar strukturiert. Vor allem sollen sie nicht mehr daran erinnern, dass die Endprodukte aus einem Klumpen toter Erde entstanden sind“, so Esther Wiesing und fährt fort: „Wir versuchen Keramik so zu behandeln, wie andere Materialien auch. Sie dienen uns als Hilfsmittel, um unsere Ideen zu realisieren. Nicht das Material bestimmt, wie unsere Artefakte am Ende aussehen, sondern wir. Wir erstellen zwar viele traditionelle Funktionsobjekte – Schalen, Vasen, Pötte – wobei wir aber keineswegs daran interessiert sind, diese altbekannten Funktionsobjekte auch traditionell zu verpacken. So gesehen könnte man sagen, dass unsere Objekte eine Synthese von Traditionellem und Traditionslosem sind. Vielleicht fallen sie deshalb aus dem Raster.“ Wir möchten noch hinzufügen: Zum Glück ist das so.

Die beiden derzeit in Bamberg ansässigen Studentinnen wuchsen quasi in der Keramik-Werkstatt ihrer Mutter auf, „aber das, was uns ganz sicher zu unserem jetzigen Handwerk und zu CortoMagDelft geführt hat, ist unser Interesse am Spielen mit Formen, Farben, Mustern und Materialien.“ Ihr Jahr an einer italienischen Kunstakademie trug maßgeblich dazu bei. Ein Land, das die Keramikerinnen in seiner Gesamtheit bis heute prägt und inspiriert. Von der Lebensmittelverpackung im Supermarkt bis hin zu italienischen Bars, Comic-Farbwelten oder Memphis-Design.

Text: Sonja Lukenda

Fotos: Thomas da Silva, Culture Key, Köhler Fotografie