TEXT: CHIARA DAL CANTO / STEPHAN DEMMRICH

DAS PROGRAMM: UMBAU EINER HINTERHOFWERKSTATT IN EINE VERITABLE BÜHNE FÜR ALLE LEBENSSITUATIONEN. BESETZUNG: TOMMASO FANTONI IN DER HAUPTROLLE. DER MAILÄNDER ARCHITEKT IST EIN GARANT FÜR UNGLAUBLICHE AUFFÜHRUNGEN.

Kann eine ehemalige Hinterhof-Werkstatt zu einem Wohnhaus und gleichzeitig zu einer Bühne werden, auf der große Partys mit Freunden und einer Band stattfinden? Die Antwort geben diese Fotos von einem spektakulären Wohnraum, den Tommaso Fantoni umgestaltet hat. Der Mailänder Architekt hat viele Jahre in London und New York für das Studio von Sir Norman Foster gearbeitet. Seit der Rückkehr in seine Heimatstadt widmet sich der Mailänder mit großer Vorliebe dem Thema Interior-Design. So entstehen neben Produkten hauptsächlich besondere Ein- richtungsprojekte wie das hier an der Mailänder Viale Pasubio in der Nähe der Porta Garibaldi. Dort ist die Metropole alles andere als „fancy“. Moderne Büroarchitekturen im Wechsel mit abgerockten Altbauten säumen das grobe Kopfsteinpflaster, über das im Minutentakt die Tram lautstark rattert. Zu diesem Flair passen die Ziegelwände des 300 Quadratmeter großen Lofts ganz hervorragend. Der Bau bringt sehr unterschiedliche Anforderungen seiner Bewohner in Einklang. Einerseits ist er eine Bühne für den häuslichen Alltag einer jungen Familie mit kleinem Kind und erfüllt dabei deren Wunsch, jederzeit Freunde willkommen zu heißen – andererseits visualisiert Fantonis Konzept die Idee, Hobbys wie Musik, Heimkino und Sport in einem Raum unterzubringen.

FOTO: HELENIO BARBETTA

Als der Eigentümer den Architekten bat, die Räume umzugestalten, hatte er noch keine familiären Verpflichtungen. Während des Umbaus wurde er Vater, aber das beeinflusste seine Vorstellungen von seiner künftigen Wohnung in keinster Weise. „Er ist Unternehmer“, sagt Fantoni und windet sich etwas, weil er mit ihm befreundet ist. „Eigentlich ist er auch Italiener, aber wir haben uns in New York kennengelernt. Er möchte nicht in Erscheinung treten. Vielleicht schreiben Sie einfach, dass er aus einer renommierten Familie im Kaschmir-Business stammt. Das wäre die richtige Formulierung. Und seine Familie ist darüber hinaus ziemlich bekannt in Segler-Kreisen.“

Diese Leidenschaft prägt die Räume des Gebäudes auf subtile Weise – 200 Quadratmeter im Erdgeschoss mit Wohn-, Arbeits- und Essbereich sowie einer Küche und 100 Quadratmeter darüber für Bad und Schlafräume. Man betritt das Haus über elegant geschwungene Treppenstufen. Ihre Anordnung als Tribüne avanciert zu einem wichtigen szenografischen Element. Gleichzeitig hat ihre Architektur eine praktische Funktion: „Alle Stufen lassen sich öffnen, und man kann eine Menge darunter verstauen. Der Eigentümer lagert hier seine Segelausrüstung in Seesäcken“, erklärt der Architekt. Doch die Stufen können sich auch in eine reale Theaterbühne verwandeln, wenn dort jemand auftritt – oder als Sitzlandschaft dienen, wenn an der gegenüberliegenden Wand die Leinwand für einen Kinoabend ausfährt. Fantoni gestaltete das übrige Erdgeschoss so, dass Familie und Gäste in Bewegung bleiben – man kann sozusagen ungehindert eine Runde unter den Rundbögen drehen – für Partys ein idealer Tummelplatz. Die Bögen kamen erst bei der Neugestaltung des Hauses richtig zum Vorschein. „Alle Wände waren vergipst.“ Was aussieht wie eine begehrte Bleibe im New Yorker Meat District, ist „ein altes Gebäude und entspricht Mailands Industriebauten zur Gründerzeit.“ Dem Ende des 19. Jahrhunderts. „Hier gab es eine kleine Werkstatt. Die Räume erstrecken sich über zwei Geschosshöhen. Ziegel sind ziemlich universell. Etwas Besonderes für den Raum selbst waren die Bögen.“ Sie inspirierten Fantoni, die Ecken aller Einbauflächen abzurunden. Für den Mailänder auch eine „Einladung, im Haus herumzulaufen. Das ist etwas, worauf ich bestanden habe. Das hat es so in der Architektur noch nicht gegeben.“

FOTO: HELENIO BARBETTA

Rundungen prägen den Eingangsbereich, kehren an den Einbauten aus Beton wieder und formen die Kücheninsel. Das Thema taucht selbst in der Gestaltung des Betthaupts auf, das mit der Türlösung für den Schlafraum korrespondiert. „Ein Haus ohne typische Ecken und Kanten zu machen, erregte sofort das Interesse des Bauherrn.“ Auch der Boden überrascht mit einer Besonderheit, die eine Referenz an die Segelleidenschaft der Bewohner ist. „Wir haben die Holzdielen mit einem Abstand von zwei Millimetern verlegt und den Untergrund schwarz gestrichen. So sieht er aus wie das Deck eines Schiffs, wo man normalerweise Gummi verwendet hätte“, freut sich Fantoni. Der eigentliche Moment der Konfrontation zwischen Architekt und Bauherr war die Behandlung der Wände. „Ich persönlich dachte, dass eine weiße Fassung der Ziegelsteine die Räume hell machen und dem Haus eine Art rustikal-metropolitische Stimmung verleihen könnte. Stattdessen wollte der Bauherr sie in ihrem natürlichen Farbton erhalten. Am Ende hat er gewonnen, und unterm Strich muss ich sagen, dass er recht hatte.“

FOTO: HELENIO BARBETTA

Besonders stolz ist Fantoni auf die Wendeltreppe. „Mein Lieblingselement mit besonders schön gestalteten Details“ – wie der formidabel eingepassten Holztür, mit der sich die Treppenzone verschließen lässt. Ein Zylinder aus „architektonischem Zement“, von hoher Qualität und einem komponierten Raster. Fantoni legt Wert darauf – neben der raffinierten Produktion – alle technischen Aspekte hervorzuheben: die abgerundeten Kanten, die innenliegenden Schiebetüren, der hölzerne Abschluss, der die Oberseite wie ein Tablett bedeckt, die Treppe in Form einer Schiffsschraube und ihre hölzernen Trittflächen. Details, die schon bei oberflächlicher Betrachtung die Idee eines außergewöhnlichen Artefakts hervorrufen und das Thema Segeln anklingen lassen. Außergewöhnlich ist auch die Gestaltung des Badezimmers mit Lavagna-Schiefer. „In den Klassenzimmern in vielen Schulen dient er als Material für die Tafeln. Die Kinder schreiben darauf. Er ist typisch für Ligurien, und dort gibt es einen gleichnamigen Ort mit einem bekannten Hafen, wo die großen Segelyachten ankern.“ Der Stein erhielt seinen Namen durch das Abbaugebiet in einem Tal im Hinterland. „In Ligurien sind viele Treppen und Fensterrahmungen aus Lavagna.“ Waschtisch, Duschwanne und Toilettennische sind Maßanfertigungen und damit typisch für Fantoni, der seine Einrichtungsprojekte immer mit eigenen Entwürfen bereichert. Schließlich war Fantoni schon in seiner Kindheit mit schönen, kunstvoll gefertigten Dingen, mit kreativer Phantasie und mit extravaganten Interieurs vertraut. Sein Großvater ist Osvaldo Borsani, Autor ikonografischer Möbelstücke und Gründer von ABV Tecno, einem Unternehmen, das eine tiefe Spur in der Geschichte des italienischen Designs hinterlassen hat. Das dokumentierte 2018 die Borsani-Ausstellung der Mailänder Triennale, die Tommaso zusammen mit Norman Foster kreierte. In Anlehnung an diese Familien-Tradition entwarf Fantoni auch den runden Esstisch mit skulpturalem Sockel sowie weitere Einrichtungsgegenstände, etwa das Masterbed mit gepolstertem Lederkopfteil, kein Standard, sondern eine Anfertigung auf Maß.

FOTO: HELENIO BARBETTA

Das Ergebnis ist ein maßgeschneidertes Haus, in dem verschiedene Bedürfnisse harmonisch aufeinandertreffen und im Dialog stehen. Trotz der imposanten Bogenfenster, die den Blick auf einen malerischen Hof mit kleiner Gasse freigeben, bleibt das Auge auf den Raum konzentriert und erfreut sich an den großen, aber ausgewogenen Proportionen. Sie prägen einen Raum, der sogar die Akustik für alle Arten von Aufführungen begünstigt. Also, lasst uns feiern!

FOTO: HELENIO BARBETTA