Was für ein ungewöhnliches Ansinnen, Kristall und Holz in einem Objekt zu verbinden. Gemeint ist hier zunächst die wunderschöne und transportable Leuchte „Baladeuse“ aus der Kollektion „Folia“ von Saint-Louis, die in diesem Jahr eine neue Abdeckung aus dunklem Holz mit einer bronzefarbenen Metallfassung erhielt. Doch generell geht es um die Idee des französischen Designers Noé Duchaufour-Lawrance, Kristall in ein Möbel zu integrieren – nicht als Dekoration, sondern als funktionales Element. „Als die Kooperation startete, wollte ich die Brillanz des Materials ein wenig zurücknehmen. Aber gleichzeitig pflegt die Manufaktur Saint-Louis dieses unglaubliche Handwerk, das ganz tief in der Tradition der Glaskunst verwurzelt ist. Das Projekt sollte sich daher behutsam entwickeln. Doch mein erster Schritt und die Herangehensweise, Holz bei einer Kristall-Serie zu verarbeiten, war sehr radikal. Bei Saint-Louis dreht sich normalerweise alles um Kristall und Metall.“ Holz wurde früher zum Befeuern der Schmelzöfen verwendet. So liegen die Werkstätten der Manufaktur ganz versteckt im Vogesenwald, der früher ein wichtiges Rohmaterial zur Glasherstellung lieferte. „Als ich Saint-Louis das erste Mal besuchte, war ich absorbiert und beeindruckt von dem Ort. Das Gelände lässt an ein Dorf mitten in der Wildnis denken. Na ja, alle Bewohner arbeiten nicht mehr hier, aber die meisten schon.“ So lässt sich die Kollektion „Folia“ mit ihrem Leitmotiv eines stilisierten Blatts als Hommage an die Wälder der Umgebung interpretieren. Gleichzeitig ist die geometrische Blattform wunderbar auf den Kristallwandungen von Gläsern, Kerzenständern, Vasen und Bar-Utensilien aufzubringen, die zu den 25 Teilen der ersten Kollektion von 2017 gehören. „Würden wir heute einen zweiten Schritt gehen, eine weitere Linie auf den Weg bringen, wäre diese rauer. Das Thema Hitze interessiert mich genauso wie die Tatsache, dass bei Saint-Louis 24 Stunden lang alles um Genuss geht und die Produktion nie stillsteht. Lebendig, wie ein Tier mitten im Wald.“

Dieser Spirit der Freiheit prägte von Anfang an die Arbeitsbedingun- gen des Designers. „Als Anne L‘Homme, Kreativdirektorin von Saint-Louis mich einlud, für die Manufaktur zu arbeiten, sagte sie: »Nur zu«. Aber es entstand keine klassische Serie, sondern eher eine Reihe von Objekten, die inhaltlich miteinander verbunden sind, weil sie alle hier entstehen. Am Ende stellt sich die Frage, wie kann uns Kristall durch den Tag begleiten und eine Verbindung mit seinem Besitzer entstehen? Die meisten Menschen, die Kristall kaufen, wissen nicht, wie es hergestellt wird. Sie sind einfach von der Tatsache fasziniert, dass es funkelt und dass es das Material für Könige ist.“ Doch der Franzose weiß, was für einen Kraftakt es bedeutet, aus eher unspektakulären Rohstoffen wie Sand, Pottasche und Metalloxiden etwas wunderbar Transparentes entstehen zu lassen, in dem sich das Licht bricht und sich unser Blick verfängt. Saint-Louis gelingt das seit 1767, als Ludwig XV. den Bau einer Glashütte auf dem Gelände der Münzthaler Glaserei in Saint-Louis-lès-Bitche genehmigte und ihr den Namen Königliche Glasfabrik von Saint-Louis verlieh. 1781, nach der Erfindung der Kristallformel, wurde die Manufaktur zur Cristallerie Saint-Louis.

Zu ihren Spezialitäten avancierten Schliff und Farbe im Stil der jeweiligen Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand die Manufaktur unter dem Einfluss von kreativen Strömungen des Jugendstils, dann prägte das Art déco den Look der Gläser. Und wie für handwerkliche Produkte allgemein bedeutete der Zweite Weltkrieg eine Zäsur. Erst in den letzten Jahren unter der künstlerischen Leitung von Anne L‘Homme kommt die traditionsreiche und noble Marke zu neuem Glanz. Die Integration in die Hermès-Group tat ihr Übriges. Ohne ein entsprechendes Engagement des Konzerns gäbe es keine Überlebenschance. Dafür aber nun Kooperationen mit Hervé van der Straeten, Kiki van Eijk, Ionna Vautrin und Duchaufour-Lawrance – eine Bereicherung für die Designwelt. „Die Idee für eine tragbare Leuchte entstand bei einem Waldspaziergang in Bitche mit Noé, direkt vor der Fabrik“, erzählt L‘Homme. Wir haben uns den Zauber eines Dinner-Picknicks zusammen mit Glühwürmchen vorgestellt. In dieser eher romantischen Projektion erschien uns das Prinzip des tragbaren Lichts im Kontext des Waldes authentisch. Nach dem hellen und braunen Holz wird die Familie der tragbaren Leuchten nun durch eine neue Version in schwarzem Holz bereichert, einem Holz in der Farbe von Holzkohle, die an die Werkzeuge der Handwerker sowie an den geschwärzten Holzhammer erinnert, mit dem das geschmolzene und noch heiße Material geformt wird.“

Wie bei den Licht-Möbeln trägt die tragbare Leuchte die Verbindung von Holz und Kristall weiter und über die Grenzen des Interieurs nach draußen auf die Terrasse, auf Balkone und in die Gärten – in die Natur, die auch eine wichtige Inspirationsquelle für die komplette Kollektion „Folia“ war. Auf ihren universellen Charakter greift Duchaufour-Lawrance bei der Gestaltung des Lichtobjekts zurück: „Die Folia-Kollektion ist inspiriert von den kleinen Lichtern der Öfen, die in der Manufaktur Saint-Louis nie ausgehen, vom Vogesenwald, der sie umgibt, und von den Erzählungen und Legenden der Region. Ein Zauber, der sich in die »Baladeuse« überträgt, ein Objekt, das sie wie einen persönlichen Begleiter überallhin mitnehmen können, um ihre Schritte zu erhellen.“ Was für ein schönes Bild.

Text: Dr. Stephan Demmrich