KÜNSTLER OASE

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FOTOS: NIN SOLIS/LIVING INSIDE TEXT: MARZIA NICOLINI/ANKE GUNGL

Modedesignerin Carla Fernández und Bildhauer Pedro Reyes verwandelten einen Horrorbau aus den 1980er-Jahren in ein brutalistisches Statement-Building, das ihren kreativen Lebensstil und ihre kulturelle Vision wiedergibt.

Ein Haus aus Beton scheint eine seltsame Wahl für eine vierköpfige Familie zu sein. Aber für Pedro Reyes, Carla Fernández und ihre beiden kleinen Kinder kamen nur wenige Häuser infrage, die besser geeignet waren als ihr ausgedehntes brutalistisches Zuhause. Auf den ersten Blick ist es ein Meer aus Grau. Schaut man allerdings genauer hin, dann zeigen sich seine spielerischen Besonderheiten – und sein Zweck.

In Coyoacán, dem pulsierenden Stadtteil im Süden von Mexiko-Stadt, in dem bereits Frida Kahlo lebte, wirkt ihr Haus wie eine robuste Betonoase, in der das Künstlerpaar lebt und arbeitet. Das Gebäude hat eine sehr starke Präsenz: Seine Architektur zitiert viele Referenzen und orientiert sich an den modernistischen und brutalistischen Gebäuden in Mexiko-Stadt, unter anderem an Beispielen von Luis Barragán. „Die Inspiration ist sichtbar brutal und modernistisch, aber auf eine Art sieht es auch sehr traditionell aus, besonders wenn man die vielen verschiedenen Materialien, Textilien und die Handwerkskunst erkennt, die im Kontrast zur brutalistischen Szenografie stehen“, erzählt Reyes und Fernández ergänzt: „Ich habe ungefähr drei Jahre ge- braucht, bis ich dieses Gebäude gefunden habe. Es wurde 1985 gebaut, also hat es einige 80er-Jahre-Vibes, aber Pedro baute es um und schuf einen Raum, der unsere Idee von Architektur vollständig widerspiegelt. Heute ist es das perfekte Familien- und Atelierhaus: Die Atmosphäre ist gleichzeitig gemütlich und lebendig, und unsere Türen stehen Pedros Mitarbeitern, unseren Freunden und unserer Familie immer offen. Wir sind eigentlich eine große Familie.“ Nicht zuletzt verdankt dieser Ort seinen Charme auch den positiven Vibes der Nachbarschaft. „Mexico City ist eine Mischung aus Himmel und Hölle. Es ist ein sehr guter Ort, um etwas zu erschaffen, weil man sich hier wirklich lebendig fühlt. Es gibt endlose Inspiration. Nach New York würde ich sagen, ist es die zweite Hauptstadt des Kontinents in Bezug auf die Vielfältigkeit seiner kulturellen Möglichkeiten“, schwärmt der Bildhauer und Architekt. Der Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart steht im Mittelpunkt des Lebensraums von Familie Reyes-Fernández. Früher ein „exzentrischer Horror der 80er-Jahre, mit einem Hallenbad“, dient das 1.000 Quadratmeter große Haus heute als Heim, Werkstatt und kreatives Hauptquartier. „Unser Haus ist nicht nur unser Labor“, sagt Fernández. „Es ist auch ein Treffpunkt, ein sozialer Raum, wo Künstler, Handwerker und Freunde zu Besuch kommen, aber auch Inspiration finden.“ Das Haus ist mehr als nur ein Wohnraum und dient als kreativer Sitz sowohl für Reyes als renommierten Bildhauer, als auch für Modedesignerin Fernández. Für das Paar, das eine Leidenschaft für die Bewahrung der mexikanischen Kultur teilt, ist es auch die physische Verkörperung einer langjährigen Mission, die Aufmerksamkeit auf die lebendige künstlerische Geschichte und jahrhundertealte Traditionen des Landes zu lenken.

Ein Großteil der Betonstruktur im Inneren und Äußeren des Hauses ist freigelegt. Ein absolutes architektonisches Highlight ist das 20 Meter lange und sich über zwei Geschosse erstrecken- de Bücherregal aus Betonplatten, das den Hauptwohnraum mit seinen Emporen, Skulpturen und zusammengewürfelten Möbelstücken dominiert. Es verfügt über frei auskragende Stufen, die auf eine schmale Galerie mit Blick auf die Lounge führen. „Unsere Bibliothek ist sowohl für die Arbeit als auch für die Frei- zeit gedacht. Die meisten unserer Gespräche drehen sich um Bücher – wir verbringen viel Zeit damit, sie herauszunehmen und dann die Sammlung neu zu arrangieren. Erst kürzlich bin ich mit zwei Koffern voller Bücher aus Japan zurückgekommen“, lacht der Hausherr.

Das komplette Interior besteht aus Objekten des Paares. Neben den vielen von Reyes selbst gebauten Stücken gibt es einige ikonische Design-Möbel, darunter ein Paar von Reyes „Mano-Sillas“-Stühlen und eine geodätische Leuchte, während ein schwarzer Eames-Lounge-Chair einen klassischen Touch ins Wohnzimmer bringt – und wieder das raffinierte Händchen der Hausbewohner für ausgefallene Pieces unterstreicht. Pflanzen ranken sich bis zu den Oberlichtern in der Decke und ein Baum wächst durch ein mit gelbem Anstrich ausgekleidetes Atrium. Diese Öffnung wird flankiert von weiteren Pflanzenbeeten mit typisch mexikanischen Kakteen. „Was ich am meisten an unserem Haus mag, ist die Tatsache, dass alle Räume jeden Tag benutzt werden. Von mir, Pedro, den Kindern, unseren Besuchern. Es ist ein Ort, an dem wirklich gelebt wird“, berichtet die Künstlerin. Im Obergeschoss befinden sich das Hauptschlafzimmer, zwei Kinderzimmer und ein Familienbadezimmer, das an eine steinzeitliche Höhle denken lässt. Die aus Lavastein gehauene Badewanne, die einem Felsenbecken ähnelt, wurde unter ei- nem Lichtschacht angeordnet, während das Waschbecken an handgeformte Töpferwaren erinnert. In der Tat lebt dieses Haus von vielen wertvollen handgefertigten Stücken – nicht zuletzt der Boden aus gehämmertem Beton, der aus unterschiedlich geformten Steinen zu einem unregelmäßigen Mosaik zusam- mengefügt wurde. „Tatsächlich haben wir das Haus sehr langsam eingerichtet: Pedro und ich haben sehr volle Terminpläne, sodass wir nie wirklich Zeit fanden, über die Möbel nachzudenken. Das meiste wurde von meinem Ehemann entworfen und hergestellt: Stühle, Lampen, Nachttische … Wir brauchen etwas, er gestaltet und fertigt es“, sagt Fernández.

Sowohl die Modedesignerin als auch der Bildhauer fühlen sich dazu getrieben, eine Mischung aus gegensätzlichen Dingen zu schaffen. Reyes: „Carlas Arbeit mischt soziale Gerechtigkeit und Mode, Innovation und Tradition. Ich mag es, dass sie den Antrieb hat, Dinge zu verschmelzen, um etwas Neues zu erschaffen. Wir teilen auch eine Liebe zu modernen wie auch indigenen Trad tionen und die Hoffnung, dass unsere Arbeit für die Verbesserung der Bedingungen hier von Nutzen sein kann. Insgesamt lieben wir beide, was wir tun. Wir lieben unsere Arbeit. Und wir haben viele Geschichten zu erzählen.“ Diese Liebe zu ihrer Heimat spiegelt sich auch in der Mode von Fernández wider. Die Marke hat internationale Anerkennung für ihren Ansatz gefunden, das reiche kulturelle Erbe der indigenen Gemeinschaften Mexikos zu erhalten und es in schöne Kleidung, Textilien und Haushaltswaren umzuwandeln – und auf diese Weise die DNA dieses kulturellen Erbes zu enthüllen. Ihr zeitgemäßer Umgang mit traditionellen Methoden beweist, dass ethnische Mode auffallend, avantgardistisch und zukunftsweisend sein kann. 2013 war Carla Fernández eine von elf weltweiten Preisträgern des Prince Claus Award in Amsterdam, mit dem Künstler ausgezeichnet werden, deren kulturelle Aktionen die Entwicklung ihrer Gesellschaften positiv beeinflussen. „Tradition ist nicht statisch und Mode ist nicht kurzlebig“, schließt die Designerin.