TEXT: STEPHANIE STUART/ ANKE GUNGL

WO EINST EIN GEMISCHTWARENHÄNDLER BROT, MILCH UND ZEITUNGEN VERKAUFTE, HAT EINE AUSTRALISCHE INNENARCHITEKTIN SAMT FAMILIE IHR (WOHN-) GLÜCK GEFUNDEN. DAS ANWESEN WAR BEREITS UM 1930 DREH- UND ANGELPUNKT DER GLAMOURÖSEN KREATIV-SZENE MELBOURNES.

Historisch betrachtet wurden Mehrfamilienhäuser in der Vergangenheit unter überwiegend pragmatischen und rationalen Gesichtspunkten errichtet: Die Grundrisse waren einfach, die Ausstattung schlicht und die Baukosten so gering wie möglich. Gut, dass es zu damaligen Zeiten, um 1930, schon Pioniere wie den Architekten Howard Ratcliffe Lawson gab, dem es in erster Linie um Ästhetik und romantische Aspekte ging. „Dieser Komplex ist eine wahre Rarität, eine Mischung aus europäischer Eleganz und dem Glamour Hollywoods“, fasst Innenarchitektin und Autorin Heather Nette King die Architektur des Anwesens im Herzen der australischen Metropole Melbourne zusammen. „Hier tummelten sich damals Künstler, Musiker, Dichter, Ballerinen, Journalisten, Filmproduzenten, Models, Schauspieler, Kunsthändler und Politiker – eine bunte, kreative Mixtur, so wie es sich Lawson vorgestellt hat.“ Der Name „Beverley Hills“ hätte somit nicht passender gewählt werden können.

FOTO: ARMELLE HABIB/ LIVING INSIDE

Fast 90 Jahre später erobern die „Beverley Hills“-Apartments noch immer die Herzen von Ästheten und Romantikern, von de- nen einige dort bereits seit mehr als vierzig Jahren leben. 2018 erfüllte sich der Traum von einem Heim in dieser exzentrischen Community auch für King und ihre Familie. „Mein Mann Jeremy und ich stolperten über die Online-Anzeige, sahen uns an und wussten genau, dass wir sofort bereit wären, unser riesiges Einfamilienhaus gegen eines dieser coolen Apartments einzutauschen. Es war eine einmalige Gelegenheit für uns und unsere bereits erwachsenen Töchter, sich zu verkleinern“, sagt King. Sie riefen den Verkäufer an, sprangen ins Auto und fuhren direkt zu den Eigentümern, um ihnen ein Angebot zu unterbreiten.

Kurz darauf zogen sie um. Das zweigeschossige Apartment der Kings auf dem Gelände hat seine eigene einzigartige Geschichte. „Nummer 1 war schon immer an den Gemischtwarenladen angeschlossen, der die umliegenden Anwohner bediente. In unserem Schlafzimmer wurden also früher Zeitungen, Milch, Brot, Obst und andere wichtige Dinge verkauft. Einer unserer achtzigjährigen Nachbarn erinnert sich, dass er immer nach der Schule herkam, um sich einen Milchshake zu kaufen“, erzählt sie.

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Ein besonderes Highlight der Immobilie ist das riesige viktorianische Buntglasfenster, das sich über zwei Etagen erstreckt. „Lawson hat es aus einem nahe gelegenen Herrenhaus gerettet, das kurz vor dem Abriss stand.“ Im Laufe der Jahre und aufgrund der zahlreichen Besitzerwechsel wurden einige Wohnungen nach und nach renoviert – nicht immer zu ihrem Vorteil. „Glücklicherweise haben unsere Vorbesitzer ein gutes Händchen bewiesen. Sie statteten die Küche und das Bad mit feinstem Marmor aus, restaurierten die alten Eichenböden und den atemberaubenden Kamin. Alles, was wir tun mussten, war, geringfügige kosmetische Korrekturen vorzunehmen, wie das Streichen der Wände, das Ersetzen aller Beleuchtungskörper und das Wechseln der Schrankgriffe und Armaturen in den Badezimmern“, so die Autorin. Dass die Hausherrin kräftige Nuancen liebt, macht sich im gesamten Haus bemerkbar. „In unserem alten Zuhause hatte ich die Wände schwarz gestrichen. Dieses Mal wusste ich direkt, dass ich mir für die Hauptwohnbereiche kräftigere Farben wünschte. Die Töne, die zwischen Blau und Grün changieren, passen perfekt zum Blick in den Garten und auf den Pool.“

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Mit einer vielfältigen Möbel- und Kunstsammlung – darunter viele Stücke, die das kreative Paar für Fotoshootings kaufte – könnte man den Stil als eine Mischung aus Antiquitäten und Objekten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts beschreiben. Die Farbfavoriten der Hausherrin tendieren ganz klar zu Möbeln und Wänden in Juwelenfarben. „Ich liebe Rot, Purpur, Smaragd und Saphir, immer mit einer Prise Schwarz für mehr Drama. Und die Architektur hier ist eine wunderbare Mischung, die es uns leicht macht, Stücke aus verschiedenen Epochen zu mischen“, sagt King. Im Obergeschoss befindet sich der offene Wohn- und Essbereich, von dem die Schlafzimmer der Töchter, das Büro und die Küche abgehen. Das Dekor des Kamins konkurriert mit einem geometrischen Teppich von Patricia Urquiola für CC-Tapis und einer Mischung aus unterschiedlichen Lichtquellen – von Kronleuchtern aus dem französischen Empire bis hin zu skandinavischen Modellen aus den Sixties und modernen Stehleuchten. „Da wir nicht mit aller Macht versucht haben, uns an einen bestimmten Stil zu halten, haben wir einfach das gekauft, was wir geliebt haben. Ich finde, das ist der beste Weg, um ein selbstbewusstes und glückliches Zuhause zu schaffen.“ Im Erdgeschoss des ehemaligen Gemischtwarenladens herrscht eine skurrile und romantische Stimmung mit vergoldeten Spiegeln an den Wänden, die in sanften Rottönen gehalten sind, eleganten Palmen in antiken Gefäßen und einer verzinkten Badewanne, an deren Stelle sich einst die Ladentheke befand. „Ich wollte schon immer eine Badewanne im Schlafzimmer – das ist für mich der ultimative Luxus“, schwärmt die Hausherrin.

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Mit dem Gemeinschaftsgarten inmitten des Komplexes hat sich für die Naturliebhaberin ein weiterer Traum erfüllt. „Wir haben einige unglaublich alte Bäume, eine Feige aus Moreton Bay und eine sehr alte Ulme sowie ein paar exotische Pflanzen wie eine mexikanische Golden-Chalice-Rebe. Es gibt einige ganz besondere Bereiche im Garten – eine wunderschöne Terrasse mit einer Vogelstatue, ein paar Gemüsebeete und einen hübschen schattigen Bereich namens »Mary‘s Garden«, benannt nach einer wunderbar exzentrischen alten Bewohnerin, die dort bis in ihre 90er gärtnerte und immer einen Nerzmantel trug“, erzählt King. Der Garten und der schöne alte Pool mit seiner steinernen Brücke bilden einen wunderbaren Kontrast zu den alternden Betonwänden der Architektur. Gerade einmal ein Jahr nach ihrem Einzug in „Beverley Hills“ steht für Familie King eines schon fest: „Niemals wieder zu gehen.“

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