CYBER SPACE

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FOTOS: VALENTINA SOMMARIVA TEXT: ALICE IDA/ ANKE GUNGL

Wenn sich ein veritabler Social-Media-Guru ein szenografisches Refugium im Herzen Mailands erschafft, haben seine Follower im Gestaltungsprozess mehr als ein „Like“ mitzureden. Und die involvierten Architekten wachsen gleichzeitig über sich hinaus.

Ende der 1960er-Jahre prognostizierte der Künstler Andy Warhol, dass wir eines Tages alle für 15 Minuten berühmt sein würden. Er sollte recht behalten. Dank diverser Social-Media-Plattformen rückt jeder für einen kurzen – oder auch nicht so kurzen – Moment ins Licht der Öffentlichkeit. Mobiltelefon oder Tablet genügen als physische Erweiterung unseres Körpers und unserer Existenz, und die reale Welt und die Hyperrealität verschmelzen. Der Italiener Paolo Stella ist Lifestyle-Influencer, Webstratege, Schriftsteller und beherrscht die breitgefächerte Klaviatur von Instagram, Twitter und Co. aus dem Effeff. „Er verkörpert das Bild des neuen, digitalen Menschen: immer online, gerade jetzt während des Lockdowns“, erzählt Ludovica Serafini, Architektin und Gründerin des Studios „Palomba Serafini Associati“, das sie zusammen mit ihrem Mann Roberto Palomba führt. Stella beauftragte Serafini mit der Neugestaltung seines Apartments in einem Mailänder Palazzo aus dem 19. Jahrhundert. „Dies ist mit Abstand die »öffentlichste« Wohnung und das ungewöhnlichste Projekt, an dem wir bisher gearbeitet haben“, sagt Serafini.

Da sie und ihr Mann Roberto zu Stellas engstem Freundeskreis gehören und seine Vorlieben daher gut kennen, beschlossen sie, seine Vita und seine Passion in den Entwurf einzubeziehen – ebenso wie seine Follower. Als eingefleischter Kommunikator war Stella direkt Feuer und Flamme und schuf mit „@suonare- stella“ eine soziale Identität für sein künftiges Zuhause. Mehr als 330.000 Follower beteiligten sich an den Instagram-Umfragen und halfen unter anderem bei der Farbwahl der Schlafzimmerwände oder dem Finish für das Parkett. Serafini: „Zugegeben, ich hatte ein bisschen Angst davor, weil ich überhaupt nicht abschätzen konnte, was passieren wird. Aber dann sah ich, dass sogar Leute, die nichts mit Innenarchitektur zu tun haben, Meinungen und Kommentare äußerten, die alles andere als banal waren.“ Nach nur 40 Tagen avancierte Stellas Projekt zum Referenzobjekt. „Insbesondere während des Lockdowns ließ sich beobachten, wie viele Menschen diese medialen Plattformen zur Kommunikation und zum Austausch nutzten und sich als wahre Szenografen entpuppten. Es findet ein Umbruch statt. Der Homo sapiens wird vom Homo connectus abgelöst. Welche unverzichtbaren Elemente werden zukünftig im häuslichen und öffentlichen Raum dominieren? Es bleibt spannend“, ergänzt Palomba. Das Herz des weitläufigen Apartments bildet das großzügige Wohnzimmer mit zwei „Serpentine“-Wildledersofas von Vladimir Kagan und einem rosafarbenen Samt-Pouf. Den angrenzenden, lichtdurchfluteten Erker sehen sowohl der Eigentümer als auch die Architekten als potenzielle Bühne einer narrativen Handlung. Neben Sessel „Up“ von Gaetano Pesce platzierte Stella zwei Coffee Tables mit Messing-Accessoires von Diesel by Seletti. Für den Essbereich entwarfen die Mailänder Designer einen modular aufgebauten Marmortisch. Der skurrile Bogen zwischen Wohn- und Essbereich fiel Serafini und Stella schon bei der ersten Besichtigung ins Auge. „Er ist so eigentümlich, dass er schon wieder schön ist. Faszinierend wie ein Muttermal im Gesicht einer Frau“, kommentiert die Architektin und der Hausherr ergänzt: „Im Leben sind Fehler so viel interessanter als Perfektion. In unseren Fehlern gibt es etwas zu lernen. Als ich diesen Bogen sah, wusste ich, dass dieses Haus eine Geschichte zu erzählen hat.“

Das Architektenpaar bediente sich zu Beginn der Renovierungsarbeiten des Prinzips der Subtraktion. Palomba: „Wir haben mehr abgerissen als im Nachgang ergänzt.“ Bis auf wenige neoklassizistische Elemente wie die Stuckdekorationen, Parkettböden, massiven Türen und Marmorsäulen, die den Erker umrahmen, musste die klassische Architektur der nüchternen Gegenwart weichen. Entstanden sind unabhängige Räumlichkeiten, die auf Wunsch des Hausherrn wie Sets arrangiert wurden. „Mir gefiel die Idee eines Käfigs, ein metaphorischer Ort, an dem wir Zuflucht suchen oder Beengtheit empfinden, bis wir den Mut aufbringen, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind. Ich erlebte diesen Prozess beim Schreiben meines Buches »Meet me alla boa« und ich wollte, dass mein Zuhause dieser Entwicklung Tribut zollt“, erzählt der Schriftsteller.

Das Kreativ-Duo Serafini/Palomba analysierte die Werke des italienischen Influencers und entwarf auf dieser Basis eine maßgeschneiderte Tapetenkollektion. Wilde Tiere und exotische Pflanzen leben darauf gemeinsam in einem weitläufigen Käfig, der zwischen Innen- und Außenbereich changiert. Auf dem gesamten Dessin finden sich Passagen aus Stellas Buch, ebenso wie einzelne Schlagworte, nach denen einer Schatzsuche gleich auf der Tapete gesucht werden soll. Serafini: „Wir haben es uns erlaubt, überall auf den Wänden kleine persönliche Details zu verstecken, die Paolo noch unbekannt sind. Wie wir ihn kennen, wird er sicherlich Spaß daran haben, sie nach und nach zu entdecken.“

Betritt man den Eingangsbereich des eleganten Apartments, gewinnt man schnell den Eindruck, sich in der surrealen Szenerie eines Buches wiederzufinden. Grund dafür ist die großflächige Spiegelwand, die den Raum optisch vergrößert. „Der Eingangsbereich ist rechteckig. Durch die Spiegel wirkt er allerdings kreisrund. Wir haben also passend zum Thema eine perfekte Illusion geschaffen“, berichtet die Architektin. Das leuchtende Blau der Harzfußböden korrespondiert perfekt mit dem Farbton der fantasievollen Tapete, auf welcher freundlich blickende Hunde mit Elefanten und Fledermäusen kommunizieren. Sie scheinen die Spiegeltüre zu bewachen, hinter der sich der private Bereich mit zwei Schlafzimmern und Bädern befindet.

Im Vergleich zum Rest des historischen Apartments ist der Kontrast zwischen Heute und Damals in den Bädern und der Küche deutlich sicht- und spürbar. „Die Proportionen verändern sich hier radikal. Es ist fast so, als würden diese beiden Bereiche aus dem Kontext der restlichen Räume gerissen“, sagt Stella. So wird die Küche durch moderne, raumhohe Schiebetüren aus geriffeltem Glas von Ess- und Wohnbereich separiert. Stella: „Der Raum wird dadurch komplett neu definiert und strukturiert.“ Währenddessen erweiterten die Architekten das Masterbad um einen zusätzlichen Duschbereich, in den eine bogenförmige Öffnung aus Messing führt. Wie auch im Eingang ziert die von Serafini/Palomba entworfene Tapete die Wände.

„Erfolgreiche Projekte sind solche, bei denen wir Spaß haben, weil es fast so ist, als ob die Räume von einer positiven Energie getränkt sind“, fährt Palomba fort. „Und es hat wirklich Spaß gemacht, an diesem Prozess beteiligt zu sein, umso mehr, als es unser erstes Social-Media-Projekt war“, lacht Serafini. Sie und ihr Mann Roberto zählen zu den Popstars der internationalen Designszene und arbeiteten bereits mit dem Who‘s who exquisiter und angesagter Labels zusammen. Mehr als 25 Jahre Erfahrung befähigen das angesehene Architekten-Paar, eine zeitgenössische Vision der Gesellschaft und deren Nutzerbedürfnisse zu skizzieren, die es mit seinem umfassenden Wissen über die historischen und kulturellen Wurzeln des Designs verbindet. Dieser einzigartige und persönliche Ansatz macht sie besonders sensibel für Fragen zu Funktion und Notwendigkeit. „Architekten sind sehr feinfühlige Menschen. Aus diesem Grund habe ich einige Semester Psychologie studiert. Das Haus ist die intimste Umgebung einer Person. Wir schaffen Häuser, in denen es den Menschen gut geht, keine Showrooms. Sie müssen das Innerste des Bewohners widerspiegeln. Viele Kunden fragen nach Stereotypen, da sie ihre wahren Bedürfnisse nicht kennen. Es ist für sie leichter, sich etwas Existierendes vorzustellen, anstatt Wünsche selbst zu visualisieren. Der Architekt hilft dem Kunden auf dieser Reise“, philosophiert Serafini.

Paolo Stella gefiel dieser Ansatz, hatte er doch oft genug das Vergnügen, in den Häusern von Roberto Palomba und Ludovica Serafini zu Gast zu sein. Somit hatte er genaue Vorstellungen, als er seine kreativen Freunde in seine Renovierungspläne invol- vierte. „Das Projekt fußt auf drei Säulen: auf Paolos Wünschen, unserer architektonischen und dekorativen Vorstellung und der Struktur des Gebäudes, das sich im pulsierenden Bahnhofsviertel befindet“, so Palomba. In einer Welt, die fast vollständig auf die mediale Kommunikation ausgerichtet ist, warf das Projekt eine wichtige Frage auf: Wie lebt ein Profi-Kommunikator? Neugierig, impulsiv und spontan. Palomba: „Spontaneität ist für die Likes verantwortlich. Sie entfesselt bei den Menschen das Gefühl von Empathie, wofür Instagram geschaffen wurde. Wir dürfen nicht vergessen, dass die sozialen Medien im Vergleich zu früheren Formen der Kommunikation grundsätzlich auf Empathie basieren.“ Und vor allem schnell Wellen schlagen. „Bereits einen Tag, nachdem Paolo unser Projekt auf Instagram publik machte, wurde ich im Zug darauf angesprochen.“

Auch nachdem Stella seine „Hypercasa“ bezogen hat, sind seine Follower immer mit von der Partie. „Sie sind mit mir eingezogen. Heute sind wir alle Influencer. Es spielt keine Rolle, wie viele Anhänger wir haben: Jeder von uns ist Teil des globalen Dorfes“, sagt der Social-Media-Experte, der den Spagat zwischen öffentlichem Leben und Privatheit perfekt meistert. Details über seine Kindheit, seine Familie und über seinen aktuellen Beziehungsstatus hält er strikt unter Verschluss. Umso erstaunlicher, dass er seine Commu-nity an seinem Leben und seinen Gewohnheiten teilhaben lässt, die fleißig nachgeahmt werden. Stella: „Ich habe ein Ritual, das ich unter dem Hashtag #specchiostella veröffentliche: Jedes Mal, bevor ich aus dem Haus gehe, stelle ich mich vor den Spiegel und sage einen kurzen Motivationssatz auf. Ein kleines Geheimnis, das dann in die weite Welt hinausgeht.“ Gesagt, geteilt, gelikt.