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BRIT-STYLE IN NEUENGLAND

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FOTOS: MONICA SPEZIA / LIVING INSIDE

TEXT: FRANCESCA SIRONI / Sonja Lukenda

Das amerikanische Zuhause von Innenarchitektin Lucie McCullough und Familie ist ein Paradestück für zeitgemäßes, ökologisches Wohnen. Treten Sie ein!

Concord, Massachusetts, im Herzen Neuenglands. Ein Szenario wie aus vergangenen Zeiten umweht die Kleinstadt vor den Toren Bostons. Es ist ein geschichtsträchtiges Städtchen. Leicht verschlafen. Ein Hauch des kolonialen Amerika, der Unabhängigkeitskriege und Louisa May Alcotts Roman “Kleine Frauen” hängt dem Ort an. Hier gibt es sie noch (nein, nicht die kleinen Frauen!): die Prärie, ausgedehnte Wälder und ursprüngliche Flüsse. Und auch den berühmten „Walden Pond“, den Waldsee, an dem der Philosoph und Schriftsteller Henry David Thoreau in seinem Werk „Walden“ Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Jahre in einer Blockhütte verbrachte, um auf der Suche nach einem besseren und einfacheren Leben wieder zu sich selbst zu finden. Unweit des Sees steht heute eine Handvoll Häuser im traditionellen Stil. Eines davon sticht dabei ganz besonders hervor, weil es so anders ist als der Rest. Es ist das Zuhause von Lucie McCullough, ihrem Mann und den drei Kindern Mimi Li, 9 Jahre alt, Otis, 6 Jahre und Cian, 4 Jahre alt. 

„Das Haus hat nichts mit den lokalen, sogenannten Saltboxes hier am Hut. Das sind diese typischen Häuser mit den rot lackierten Holzlatten“, erklärt McCullough. Jene Gebäude der Kolonialarchitektur zeichnen sich vor allem durch zwei bis drei Stockwerke im vorderen und lediglich einem Stockwerk im hinteren Teil des Hauses aus. Ihre Bezeichnung erinnert an die Klappdeckelkisten, die früher zur Aufbewahrung von Salz üblich waren. „Unser Haus ist eine schöne zweistöckige Villa aus verputztem Beton. Sie stammt aus den 1950-er Jahren, mit Fenstern im englischen Stil und mit einem Satteldach. Das Haus wirkt buchstäblich, wie aus der malerischen Landschaft Großbritanniens entführt und hierhin versetzt.“ Das Gebäude verfügt über viele typische Details, wie das traditionelle Vordach, einen Garten und einen Kiesweg, wo man mit dem Auto vorfahren und die Kids oder seine Einkäufe gleich nach drinnen verfrachten kann. Hinter dem Haus gibt es einen kleinen Pool mit Veranda, von der aus man den Blick entspannt in das umliegende Grün schweifen lassen und den Vögeln beim Zwitschern zuhören kann. McCulloughs Domizil mit der grün bewachsenen Fassade wirkt fast wie ein Cottage, jedoch mit dem feinen Unterschied, dass diese „Hütte“ wesentlich größer ist als ihre wildromantischen Pendants in der britischen Pampa. „Früher wohnte hier ein altes Dandy-Pärchen”, so McCullough. Ein elegantes, raffiniertes und perfekt im Originalzustand erhaltenes Zuhause. „Natürlich haben wir uns auf den ersten Blick in das Haus verliebt“, lacht die Hausherrin. 

McCullough ist eine talentierte, international bekannte Innenarchitektin, deren Wurzeln in der Fashionbranche liegen. Mit ihrer Familie lebte sie schon überall auf der Welt – zuletzt 10 Jahre in Hongkong – und arbeitete in den großen Style-Metropolen wie Rom, Mailand, New York und London – um nur ein paar davon zu nennen – für große Modehäuser wie Valentino oder Ralph Lauren. Oder für die britische Vogue. Doch die Mode hat McCullough beruflich hinter sich gelassen. Erst kürzlich kehrte die Globetrotterin zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kids in die Staaten zurück und studierte am Institute of Building Biology in Santa Fe, New Mexico. Heute ist sie zertifizierte Baubiologin und damit sehr erfolgreich. Sie hat ihren Stil gefunden, der sich jedoch nur schwer beschreiben oder in eine Schublade stecken lässt. Vielleicht könnte man ihn als ökologischen Luxus beschreiben? Dem Leitsatz der „Building Biology“ entsprechend, legt McCullough sehr viel Wert auf biologische Materialien – sowohl bei der Architektur selbst als auch bei der Auswahl von Möbeln und Farben für ein Zuhause. Deshalb wählt sie auch lieber Altes als Neues. Die verwendeten Materialien sollen der Gesundheit nicht schaden, das persönliche Wohlbefinden fördern, ein gutes Umfeld und eine Raum- und Luftqualität schaffen, die frei von jeglichen Giftstoffen ist. McCullough kreiert auf diese Weise ganz persönliche Refugien, Zufluchts- und Sehnsuchtsorte und dafür feiert sie eine immer größer werdende Fan-Gemeinde rund um den Globus. 

„Dieses Haus schien wie für mich gemacht. Auf halbem Weg zwischen typisch britischem und sehr amerikanischem Stil ist es wie aus einer Ralph-Lauren-Kulisse entsprungen, mit in rauchigem Holz verkleideten Wänden. Es war, als würde ich zu den Grundlagen zurückkehren, zu meinen Anfängen in der Modebranche … Es war wie eine Vision! Ein Baby, mit dem man behutsam umgeht, um seinen Charakter nicht zu verzerren“, so McCullough über die Wahl des Familiendomizils. Damit war dann auch der ideale Grundstein für die Umsetzung der neuen Studien nach dem baubiologischen Prinzip gelegt! Denn wo, wenn nicht hier, sollte sie diese ersten Schritte verwirklichen? „Eigentlich war dieses persönliche Projekt ein bahnbrechendes Experiment zur Renovierung nach biokompatiblen Verfahren und Ressourcen, ohne Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt“, betont McCullough stolz. 

An dieser Stelle sollte auch erwähnt werden, dass der heutige Gebäudekomplex, der sich so sehr von allen anderen Häusern in der näheren Umgebung abhebt, das Ergebnis einer beträchtlichen Hauserweiterung ist. Auch wenn es für den Betrachter so wirkt, als hätte es nie anders ausgesehen. Dank des Architekten gelang es, den ursprünglichen Stil des Hauses zu erhalten, es kamen jedoch weitere Räume und ein moderner, zeitgemäßer Komfort hinzu. „Das Gebäude in seiner heutigen Form ist eine perfekte Verbindung zweier unterschiedlicher Körper, sowohl im Außen- als auch im Innenbereich“, erklärt McCullough. Die alten Räume, an denen nichts verändert wurde, existieren wie selbstverständlich neben den neuen und renovierten, die wesentlich heller und offener gestaltet sind. Im Erdgeschoss sind die Wände des großen Wohnbereiches beispielsweise komplett mit dunklem Holz verkleidet. „Ich habe den Raum etwas zeitgenössischer gestaltet, mit einem minimalistischen Dekor und Goldnoten, die der warmen Farbe der Wände entsprechen. Und mit einem geometrischen Teppich, den ich, inspiriert von den Fliesenmustern des Taj Mahal, kreiert habe.“ Gleiches gilt für das Esszimmer, das formaler und raffinierter ist, mit den ursprünglichen blauen Samttapeten im Kontrast zum weiß gestrichenen Holz. Und für das Lesezimmer wird eine gemütliche Ecke mit einem Hauch von hellem Rot über der Boiserie zum Leben erweckt und bietet eine perfekte Verbindung zwischen der Vergangenheit und dem Hier und Jetzt. Die selbst designte Küche ist wiederum eine ganz andere Geschichte. Heute ist sie im amerikanischen Stil gebaut, mit einer Kochnische, einem Essbereich und sogar einer Eckbar, mit großen Fenstern, von denen aus man die Sonnenuntergänge im Wald perfekt genießen und den Blick bei der Küchenarbeit schweifen lassen kann. 

Über eine helle Holztreppe im lichtdurchfluteten Eingangsbereich gelangt man schließlich in die Privatzimmer im ersten Stock, die genauso liebevoll und detailreich gestaltet sind wie der Rest des Hauses. Jedes Familienmitglied hat sein eigenes kleines Reich, und eines ist für die Gäste des Hauses gedacht. Dafür wurde der bisherige Zigarrenraum von McCullough in eine Art exotische Themensuite umgebaut, die in ihren Farben und Dekoren den Einfluss der chinesischen Vergangenheit der Hausherrin vermittelt: „Schließlich ist dieses Haus wie meine ganz persönliche Sammlung von Eindrücken der Orte, an die ich bislang gereist bin“, vertraut sie an. Ihr Einrichtungsstil ist geprägt von den vielen Reisen und ihren Erinnerungen daran. Sie sind in unterschiedlichster Form im Haus verteilt. Viele Stücke stammen von Straßen- und Flohmärkten oder aus Antikläden aus aller Welt. Sei es der original mongolische Teppich aus einem Wüstenzelt, der seinen Platz im Spielzimmer der Kinder gefunden hat, die Buddhastatue aus Fernost auf der Veranda oder die maßgefertigten Schränke im Eingangsbereich, deren massiver, nietenbesetzter Look von einem warmen Gelbton ausbalanciert wird und an die Tore zur Verbotenen Stadt erinnert. 

Man spürt McCulloughs Liebe zur Welt, zum Reisen und zur Geschichte all dieser Länder förmlich in jeder Nische des Hauses. Es ist eine urgemütliche, eigene kleine Welt, in der sich jeder sofort wohlfühlt, der über die Türschwelle tritt. Das Haus in Concord und dessen Räume sind eine visuelle Biographie ihres Lebens und des Lebens ihrer Familie. Das ist die Geschichte einer Globetrotterin mit Leib und Seele, es ist die Geschichte von Lucie McCullough.