BEI BARNABA

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FOTOS: MAXIME GALATI FOURCADE UND LAURA FANTACUZZI  TEXT: MAXIME GALATI FOURCADE UND LAURA FANTACUZZI /JULIA RAMRATH

Ornament als Versprechen: Im Haus der Familie Fornasetti wird es wahr. Der grafische Stil, mit dem die Einrichtungsmarke seit der Mid-Century Moderne Berühmtheit erlangte, ist hier omnipräsent und zeigt, dass er im Mix mit Modern und Alt funktioniert.

„Ich hatte nie einen speziellen Moment der Erleuchtung oder Erkenntnis – der Berufung, wie so viele sagen würden. Mein Weg war einer des Nachhausekommens nach einer langen Reise und vielen Erfahrungen.“ Zuhause ist für Barnaba Fornasetti ein Anwesen im Universitätsdistrikt Mailands, das bereits seit drei Generationen von der Familie bewohnt wird. Pietro Fornasetti erwarb das Gebäude im späten 19. Jahrhundert, während er sein Vermögen mit dem Vertrieb deutscher Schreibmaschinen machte. Sein ältester Sohn Piero Fornasetti (1913-1988), der Künstler, Unternehmer und Vater von Barnaba, verbrachte einen Großteil seines Lebens hier in seinem Elternhaus. Er war Maler, Bildhauer, Innenarchitekt und Schöpfer von mehr als 11.000 Kunstobjekten. Da er mit ganz unterschiedlichen Medien arbeitete, insbesondere mit Keramik und Textilien, wurde er im Laufe seines Lebens auch zum Experten im Bereich verschiedener Druckverfahren. Gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Gio Ponti gründete er die inzwischen weltberühmte Marke Fornasetti mit dem Ziel, Kunst als festen Bestandteil im Lebensalltag zu verankern. Sein Haus diente Fornasetti als Leinwand für seine schöpferischen Impulse. Über die Jahre hinweg verwandelte er die Räume der Mailänder Villa zu einem Showroom seiner Kunst. Sie avancierte zu einem bewohnten Dokument seines Stils. Bis heute gibt es kein besseres Beispiel für Fornasettis Ästhetik. Die Hommage an Piero Fornasettis künstlerisches Genie wird bis heute von seinem Sohn Barnaba aufrecht erhalten, der in eben diesen Räumen die einzigartige Vision seines Vaters fortführt.

Barnaba selbst sagt dazu: „Das Werk meines Vaters weiterzuentwickeln, war ein ganz natürlicher Prozess, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich habe Fornasetti als Marke mit derselben Leidenschaft fortgesetzt, die mich auf meinem Lebensweg bereits angetrieben hat.“ Auch Barnaba hat einen kreativen Hintergrund, der ihm, wie er behauptet, von seinem Vater in die Wiege gelegt wurde: „Schon als Kind habe ich davon geträumt, Autos zu designen. Als Erwachsener war ich dann als Kommunikationsdesigner tätig, und für eine Weile arbeitete ich sogar in der Fashionindustrie. Danach versuchte ich mich an der Sanierung von alten Bauernhäusern.“ Als sein Vater ihn in den 1980er-Jahren dann bat, nach Mailand zurückzukehren, um im Familienunternehmen einzusteigen, ließ Barnaba ohne zu zögern die Toskana und seinen damaligen Job hinter sich und fand seinen Weg zurück ins Elternhaus. Von diesem Punkt an wurde er nicht nur Teil der Marke Fornasetti, sondern auch der reichen Geschichte dieser Mailänder Villa. Sie beherbergt mittlerweile einen Mix aus Klassikern und Kultstücken beider Fornasettis und zahlreiche Antiquitäten. Fragt man ihn, ob er diesen Schritt je bereut hat, so sagt der Hausherr: „Nie! In den Jahren darauf wurde Fornasetti zu meinem Leben. Wenn ich auf die schwierigen Momente, die Fehler, die kleinen Siege und die großen Enttäuschungen entlang des Weges zurückblicke, scheint es mir, als sei es das Beste, das mir je hätte passieren können.“

Die Casa Fornasetti wirkt wie ein Labyrinth aus Räumen und Korridoren. Zu den eindrucksvollsten Interieurs gehört das abgesonderte Erdgeschossapartment, das Barnaba Liebhabern und Sammlern der Arbeit seines Vaters zur Verfügung stellt. Nicht weniger komplex ist die ästhetische Abgrenzung der Designs des Sohnes von jenen seines Vaters: „Die unterschiedlichsten Leute – einschließlich Philippe Starck – behaupten, dass es keinen bestimmten Punkt gibt, an dem die Kreativität meines Vaters endet und meine beginnt. Ich glaube daran, dass Fornasetti eine einzige Geschichte ist, ein Kontinuum von Gedanken, Menschen, Ideen und Geschehnissen, die nicht getrennt werden können. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen; beide dienen als ein Objektiv, durch das man die jeweils andere Zeit betrachtet.“

Dennoch ist Barnabas Zuhause mehr denn je eine Hommage an die prägende Arbeit seines Vaters. Von der eleganten Einrichtung des Wohnbereichs bis hin zu den Motiven der Wand- und Bodenfliesen in der Küche im Untergeschoss erinnern die Kreationen an den verstorbenen Designer. Das Haus wurde zu dem Meisterwerk eines Künstlers, einem Wohnraum, der Aussagen des Hausherrn zufolge einer Ansammlung vieler kleiner Stillleben gleicht. Daher ist Barnaba sowohl Teil eines Kunstwerkes als auch sein Künstler, obwohl er sich nicht als solchen bezeichnen will: „Es ist nicht an mir zu entscheiden, ob ich ein Künstler bin. Was mir passiert ist, ist im gröbsten Sinne das, was auch einem Künstler widerfährt. Während er etwas schafft, bezieht er sich mehr oder weniger unbewusst auf all das, was vor ihm schon geschaffen wurde, auf seine eigene Biografie, die wichtigen Figuren auf seinem Lebensweg, auf die Ideen, die ihn geprägt und die er verinnerlicht hat. Dasselbe ist mir widerfahren: Es ist der Weg, den ich mir nicht ganz selber ausgesucht habe – das Leben hinterlässt oft diesen Eindruck –, aber ich habe mich dazu entschieden, ihm zu folgen und wie wundervoll ist es doch, diesen Weg zu meinem Eigenen zu machen!“

Viele der bekannten Möbelstücke, die heute noch in der Casa Fornasetti zu finden sind, entstanden aus der Zusammenarbeit Piero Fornasettis mit Gio Ponti, die mit der Mailänder Triennale im Jahr 1940 begann. Fornasetti floh während der alliierten Invasion 1943 in die Schweiz, kehrte allerdings nach dem Krieg nach Mailand zurück, wo er und Ponti Teil der katalysierenden Annäherung von brillanten Architekten, waghalsigen Fabrikanten und improvisierenden und zugleich virtuosen Kunsthandwerkern wurden, die die Stadt zum Epizentrum für zeitgenössisches Design machte. Piero Fornasetti hat nicht nur als Maler, Bildhauer, Innenarchitekt und Buchgraveur ein reiches Erbe hinterlassen. Auch im Hinblick auf die Vielfalt ihrer Designs zählen seine Objekte und Möbel zu den spannendsten und facettenreichsten des 20. Jahrhunderts.

Er wird heute als eines der originellsten Talente des 20. Jahrhunderts gefeiert. Während seiner Karriere hat er ein visuelles Vokabular erschaffen, das nicht nur zu den Inkunabeln der Moderne zählt, sondern auch unaufhörlich fesselnd ist. „Es ist kein Zufall, dass es als postmodern definiert wurde bevor der Begriff überhaupt existierte. Seine sehr persönliche, sehr selbstkritische, poetische Fragmentierung erschuf eine beispiellose und außergewöhnliche visuelle Sprache mit Wiedererkennungswert. Das erinnert an die Methoden Bizets, die der sogenannten »Musikalischen Collage«, und ich würde behaupten, sogar die vieler moderner DJs, auf die figurative Kunst angewandt.“ Trotz Pieros Ursprüngen in der klassisch italienischen Malerei, ist es gerade das Verschmelzen von Stilen und Methoden, das ihn so einzigartig mache: „Durch die gewonnene Energie der gegenseitigen Befruchtung von Stilen und Ausdrucksformen, warf Fornasettis Grenzen überschreitende Kunst wichtige Fragen über die Identität der Kunst auf, indem er die Unabhängigkeit der Kunst mit der Funktionalität des Designs konfrontierte. Zusammenfassend kann man durchaus sagen, dass Fornasettis Praktiken die Entwicklung der Kunst des 20. Jahrhunderts widerspiegelt, in denen externen Formen ein Inhalt gegenübergestellt wird, der alles von der biblischen Entstehungsgeschichte bis hin zur Wissenschaft, Philosophie und zum Volksglauben thematisiert.“ Bis heute wird diese Vorgehensweise bei Fornasetti großgeschrieben: „Ich interpretiere den Traum meines Vaters mit meiner eigenen Sensibilität und erlaube diesem fantastischen Erbe die Welt um sich einzuatmen, im Dialog mit den Zeiten und deren Evolution.“ Letzten Endes gibt es kein besseres Beispiel für diese Metamorphose der Stile als das Mailänder Anwesen: „Es ist dieser Mix, den die widersprüchlichen Teile der Casa Fornasetti übermittelt, das Hin- und Herbewegen zwischen den zeitgenössischen und historischen Räumlichkeiten, vom einen zum anderen.“